Situation : Critical

Massenwanderungen, Verzweiflung und Hunger.

Gokul Gopinath - 09.06.2020

Während in Europa die meisten Geschäfter wieder öffnen spitzt sich die Lage in Indien dramatisch zu. Obschon die Ansteckungsrate täglich steigt ist der Virus nicht die direkte Bedrohung, sondern der Hunger und die Verzweiflung. Zwei Monate Lockdown hat die Wirtschaftstätigkeit völlig zum Stillstand gebracht.
Eine menschliche Tragödie trifft Millionen von Wanderarbeitern, welche die indische Wirtschaft in Bewegung halten. Das ländliche Indien nimmt etwa 23 Millionen zwischenstaatliche und innerstaatliche Migranten auf, Wanderarbeiter, die aus den Städten in ihre Häuser fliehen, oftmals tausende von Kilometer entfernt. Sie sind zu Fuss unterwegs, auf Viehtransportwagen, oder dicht gedrängt in den wenigen Zügen. Sie sterben an Hunger und Unfällen. Die Meldungen von tragischen Schicksalen häufen sich, die Better in den Spitälern bleiben Randvoll. Eine junge schwangere Frau verstarb auf dem Weg zum Krankenhaus, nicht an Corona, sondern weil sie in 6 verschiedenen Krankenhäuser abgewisen wurde aufgrund zuwenig Platz. 20 Menschen vom Zug überfahren, Wanderarbeiter auf dem Heimweg, die nach Tagen zu Fuss unterwegs ohne Nahrungsmittel aus Erschöpfung auf Gleisen schliefen.

Erstmals seit über 170 Jahren ist der gesamte indische Zugverkehr komplett eingestellt. Vereinzelte Notfall Züge, indisch gefüllt, brauchen oft mehr als das doppelte, bis zu 80 Stunden, an Zeit um ihr Ziel zu erreichen. Verpflegung in den Zügen ist kaum verfügbar - und aus den Zügen aussteigen und sich in den Bahnhöfen versorgen können viele nicht, da die Polizei rigoros mit Stockschlägen durchgreift die Passagiere in den Zügen zu halten.
Der strikte Lockdown macht es für die Bevölkerung praktisch unmöglich sich aus dem Haus zu bewegen. Die Polizei greift. Personen die sich ohne Bewilligung aus dem Haus wagen werden von der Polizei mit Stöcken zurückgewiesen. Nur wer eine Bewilligung hat, die man Online beantragen muss, darf aus dem Haus. Nichts desto trotz steigen die COVID Infektionen fast exponentiell an.

Jahrhundert Zyklon: 10 Mio obdachlos

In Ballungsräumen wie Delhi und Chennai sind die Ansteckungen besonders hoch. Im speziellen in der 18 Mio Metropole Mumbai, mit dem Welt grössten Slum Dharavi, sind die Folgen einer grösseren Verbreitung kaum auszudenken.

Vor einigen Tagen fegte ein Jahrhundert Zyklon über Nordost Indien und zerstört und überschwemmt Häuser und Felder. 10 Mio Menschen wurden über Nacht obdachlos. Die dadurch ausbleibende Ernte wird in den nächsten Wochen und Monaten zu einer Lebensmittelknappheit führen. Bauern geraten in Schuldenstrudel. Millionen von Menschen, die von Wohlfahrtssystemen wie MGNREGS (Mahatma Gandhi National Rural Employment Guarantee Scheme) abhängig waren, erhalten nun nichts mehr. Die Regenzeit fängt bald wieder an, eine zusätzliche Herausforderung.

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Massenwanderung aus den Städten in die ländlichen Regionen.
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Essen gibt es, aber kaum Transport

Der indische Staat wirft Milliarden auf um der Krise zu begegnen um der Bevölkerung Nahrungsmittel und eine kurzfristige finanzielle Überbrückung zur Verfügung zu stellen, doch die Hilfe kommt nicht überall an oder reicht schlicht nicht. Manchmal fehlt es nicht an Essen, sondern an ein paar Rupees für die Miete oder Medikamente.

Umso mehr schockiert das Schicksal eines 17-jährigen Mädchens aus Madhya Pradesh in Indien, das aufgrund des Hungers Selbstmord beging, oder das des Mädchens, welches von ihren Eltern für 3’000 Rupees aus Verzweiflung verkauft wurde. Die dunkle Ironie: An Lebensmitteln würde es eigentlich nicht fehlen, die Transporte sind jedoch gänzlich zum erliegen gekommen, haben noch nie wirklich funktioniert oder führen zu Krawallen und Überfällen.

Für die Tourismusindustrie sieht die Zukunft düster aus. Die Angst vor Infektionen in Ländern wie Indien hat schon vor der COVID Krise so manch einen Touristen vor einem Besuch abgehalten. Die neu geschürte Angst wird die ohnehin schon keuchende Industrie noch mehr austrocknen. Erschwerend kommt dazu dass in den zwei touristisch besonders frequentierten Staaten Goa und Kerala ein Einreiseverbot für Ausländer verhängt wurde, welches noch bis zum Dezember in Kraft sein wird. Ganze Städte wie Kochi oder Panjim verlieren damit einen wichtigen Teil ihrer Einkommensquellen.
Die Solidarität unter der Bevölkerung ist gross. Viele unserer Partnerorganisationen wie KIDS oder Charaka, welche von der Krise gleichermassen getroffen wurden, verteilen Grundnahrungsmittel an Bedürftige und unterstützen mit sozialen Projekten.
#Solidarität #COVID19 #Soziale Arbeit